Zehn Prioritäten für den Schweizer Bankenmarkt im Jahr 2022
 // . //  // Zehn Prioritäten für den Schweizer Bankenmarkt im Jahr 2022

Die Schweizer Finanzbranche hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Neben dem Betrieb im herausfordernden Pandemiegeschehen und ausserordentlichen Finanzmarktbedingungen war die Bankbranche intensiv mit der Weiterentwicklung und Transformation der Geschäftsmodelle beschäftigt. Ein Ausblick auf das neue Jahr lässt jedoch kaum Entspannung erwarten. Zur Inspiration für die erfolgreiche Fortführung der Reise im neuen Jahr haben wir zehn Themen zusammengestellt, die hoch auf der Agenda stehen dürften. 

1. Klimastrategie – mehr als nur ein Marketinglabel?

Das Ziel der Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5⁰C bedeutet, dass bis 2050 weltweit Netto-Null-CO2-Emissionen erreicht werden müssen. Durch ihre Rolle als Intermediäre ist der Druck auf die Finanzinstitute besonders hoch – die Erwartungen der Aktionäre, ihrer Kunden sowie der Gesellschaft und Politik erfordern robuste und glaubwürdige Massnahmen. Hierbei geht es nicht nur um die reaktive Erfüllung von aufsichtsrechtlichen Anforderungen, so z.B. hinsichtlich Reporting und Stress-Testing. Vielmehr sind die Themen Sustainable Finance und Nachhaltigkeit in die Strategie und die Betriebsmodelle zu integrieren. Für Schweizer Banken ist insbesondere auch die Handhabung von Hypotheken und Firmenkrediten oder auch Vermögensverwaltungsmandaten relevant, bei denen radikale Ansätze nicht funktionieren, sondern gemeinsam mit Kunden Lösungen erarbeitet werden müssen. Neben grossen Anstrengungen eröffnen sich neue Geschäftspotenziale und Möglichkeiten, Kundenbeziehungen zu stärken.

2. Hybride Betreuungsansätze – omni statt uni, miteinander statt nebeneinander

«Digital-first», «remote» und «hybride» Kundenbetreuung sind zurzeit in aller Munde. Denn nicht erst seit der Corona-Pandemie ist die Weiterentwicklung der Betreuungsansätze in einer zunehmend digitalen Wirtschaft eine strategische Hauptaufgabe der Banken. Kein Wunder, dass Schweizer Banken weiter mit Hochdruck am idealen Betreuungsangebot tüfteln. Neben dem Ausbau des E- und M-Banking gilt es insbesondere, konsequent auf veränderte Kundenbedürfnisse einzugehen: die Bankfiliale verliert an Bedeutung, die Nachfrage nach digital-hybriden Betreuungsansätzen steigt. Trotz grosser Anstrengungen und guten Fortschritten hat bisher noch keine Schweizer Bank das Thema vollständig geknackt. Andere Märkte wie Spanien und Nordeuropa sind aufgrund höheren Druckes bereits deutlich weiter und können zur Inspiration genutzt werden. Für 2022 erwarten wir daher reichlich Bewegung im Markt und einen Schwung an neuen, innovativen Angeboten.

3. Preis- und Ertragsmanagement – wie gelingt es kundenorientiert?

Eine kundenorientierte und datenbasierte Preisgestaltung ist ein enorm leistungsfähiges Instrument zur nachhaltigen Steigerung der Erträge im Bankgeschäft, sowohl kurzfristig wie auch nachhaltig. Im Gegensatz zu anderen Dienstleistungsbranchen wie Versicherungen, Software oder Telekommunikation fällt es Banken immer noch relativ schwer, differenzierte Preisgestaltungsansätze systematisch ein- und rigoros umzusetzen. Zuviel läuft weiterhin über oft arbiträr gesetzten Spezialkonditionen und kundenindividuellen Rabatten. Getrieben durch den steigenden ökonomischen Druck sehen wir hier jedoch nun vielversprechende Ansätze, gestützt durch neue Tools, Datenanalyse, verhaltens-ökonomischen Ansätzen sowie Transparenz zu Kostentreiber.

4. Prozesstransformation – Front-to-Back!

Banken haben sich zu lange auf taktische Prozessoptimierungen konzentriert, die oft nur einzelne Prozessschritte verbessert bzw. eliminiert haben. Um tiefgreifende Effizienz- und Nutzenpotenziale zu heben, ist eine fundamentale Prozesstransformation notwendig. Hierbei werden Prozesse mit den beteiligten Stakeholdern von Grund auf neu entwickelt, ausgehend vom strategischen Zielbild unter Nutzung neuester Technologien. So kann sichergestellt werden, dass im Zielzustand nur die wirklich notwendigen Schritte in optimaler Abfolge enthalten sind und diese soweit wie möglich automatisiert sind. Durch diese Front-to-Back Prozesstransformation werden oftmals auch viele der bestehenden Lösungen obsolet.

5. Ökosysteme und Partnerschaften – welche Rolle für Banken?

In einer immer komplexer werdenden Welt sehnen sich Konsumenten nach leicht verständlichen, einfach nutzbaren und ganzheitlichen Lösungen. Kunden kaufen, was für sie bequem, praktikabel und zeitsparend ist. Für einzelne Unternehmen und Dienstleister ist die Abbildung komplexer Produkte eigenständig immer weniger möglich – die Lösung sind Partnerschaften innerhalb geeigneter Ökosysteme, in denen jeder Partner einen Beitrag zur Gesamtlösung leistet. Aufgrund ihrer besonderen Stellung, die hohe Glaubwürdigkeit sowie das starke Vertrauen aus Kundensicht sind Banken und Finanzdienstleister prädestiniert eine zentrale Rolle in Ökosystemen einzunehmen: vom Infrastrukturanbieter bis zum umfänglichen Orchestrator.

6. Modernisierung der Technologie – ran an die Kernbankensysteme!

Ältere Bankensysteme bestehen oft aus einem monolithischen Kern sowie einer Vielzahl von Systemen, die im Laufe der Zeit intern entwickelt oder durch Fusionen und Übernahmen übernommen wurden. Dies führt zu Komplexität und Schwierigkeiten bei Wartungsbedarf, neuen Vorschriften, System- oder Drittanbieterintegration, Produktentwicklung, Skalierbarkeit und UI/X-Verbesserungen. Heute werden über 70 Prozent der IT-Ausgaben für die Wartung aufgewendet und weniger als 30 Prozent für die Aktualisierung der Systeme. Um das Problem anzugehen, müssen Banken die Kernfragen rund um die Ausgestaltung der Ziel-IT-Architektur sowie die Gestaltung des (erfolgreichen!) Übergangs beantworten. Hierbei spielen neue Architekturansätze zur Modularisierung, Einbindung von Cloud- und SaaS-Lösungen sowie Dritt-/ Partnersysteme eine zentrale Rolle. 

7. Digital Assets – Nische oder Mainstream?

Blockchain und Tokenisierung werden immer mehr Vermögenswerte digital transferierbar und dezentral verwahrbar machen. Eine Technologie mit grossem Potenzial, um sowohl etablierte Prozesse effizienter zu gestalten als auch neue Geschäftsmodelle und Anlagemöglichkeiten im Kapitalmarkt und Wealth & Asset Management zu ermöglichen. Digitale Assets werden trotz anhaltender Wertschwankungen in den «Mainstream» der Finanzindustrie aufrücken, auch begünstigt durch die Arbeit von Regulatoren und Zentralbanken, welche mit Hochdruck an den Rahmenbedingungen für digitale Währungen und Vermögenswerte arbeiten.

8. Konsolidierung und Utilities – weiter nur auf dem Papier oder Realität?  

Der Schweizer Bankenmarkt blieb bisher von einer Konsolidierungswelle verschont. Zu gross waren die Legacy-Risiken im Wealth Management, die regionale Segmentierung und zu klein der Rendite- und Kostendruck im heimischen Markt. Zudem mangelte es an kapitalkräftigen und integrationswilligen Akquisiteuren. Die Konsolidierung der Grossbanken ist bisher nur ein Gedankenspiel auf Papier und auf die Senkung von Kapitalkosten zugespitzt. Zunehmender Wettbewerbsdruck kombiniert mit dem Investitionsbedarf für die Digitalisierung und die dabei wirkenden Skaleneffekte könnten die Konsolidierung beschleunigen, sowohl inländisch wie auch grenzüberschreitend. Ein Blick auf die nunmehr stärker regulierten Privatbanken und Vermögensverwalter lässt eine massive Konsolidierung in den kommenden Jahren erwarten. Auch überregionale Partnerschaften sowie die Etablierung von Spezialinstituten zur Abbildung bestimmter Prozesse (Kreditplattformen, Back-Office-Lösungen) ist ein Modell, welches in der Schweiz bereits vereinzelt erfolgreich umgesetzt wurde.

9. Compliance und Geldwäsche – sind weitere Ausschlüsse wirklich die Lösung?

Banken sehen sich einer zunehmend breiten Themenpalette in Bezug auf die Auswahl und Überwachung ihrer Kunden ausgesetzt. Zu den bestehenden Anforderungen im Bereich Geldwäsche (know your customer) gesellen sich eine Vielzahl neuer Erwartungen insbesondere aus den Bereichen ESG, Betrugsprävention und Reputation. Um diesen Erwartungen gerecht zu werden, werden vielerorts Ausschlusskriterien für Kunden und Transaktionen erweitert. Es drängt sich jedoch bei der Vielzahl relevanter Dimensionen die Frage auf, ob eine Ableitung des Zielkunden aus der Geschäftsstrategie nicht die bessere Alternative wäre.

10. Vorstoss im Zahlungsverkehr – Switzerland wake up!

Die Pandemie hat in der Schweiz zu einem massgeblichen Shift von Bargeld zu bargeldlosen Zahlungsmitteln geführt, nachdem sich diese Entwicklung im Ausland schon früher vollzogen hatte. Der Blick ins Ausland lohnt sich aber dennoch weiterhin, denn was die Nutzerfreundlichkeit und Dienstleistungsbreite angeht, befinden sich Schweizer Anbieter trotz des gestiegenen Konsumentenverlangens immer noch in Rücklage. Die hiesige Branche hat die Zeichen erkannt. Fraglich ist jedoch, ob die sich in Planungs- und Umsetzungsphase befindlichen Produkte schnell genug kommen und umfassend genug sind, um gegen bestehende Anbieter und Challenger, auch aus dem Ausland, überzeugend zu bestehen.